Chris   Mennel
KUNST

Modern
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Schafe, Luftballons, Frösche

Moderne Kunst ist dumm, hässlich und uferlos. Sie ist ein Produkt engstirniger Egos.

Der glasierte Frosch im handgetöpferten Tonkrug, dem der Boden weggeplatzt ist. Niedlich, gelle?
Das will keine moderne Kunst sein, sondern es versinnbildlicht einen Hersteller von moderner Kunst.

Der Tarnung der modernen Kunst dient der Kunstjournalismus. Er ist aber nur pseudo-wortgewandt und auf sinnlose Weise bewandert in den Namenstonnen des Kunstmarktes. In Hinblick auf Bildung außerhalb des Kunstmarktes, in Hinblick auf effektives Begreifen eines Inhaltes „klappert das Geschirr“ beim Kunstjournalismus.

Uff. Welch eine Betrachtungsweise. Und sie erleichtert mich. Neun von zehn Versuchen, moderne Kunst auf ein Tableau zu heben, neun von zehn Versuchen, mitzudenken bei einem kunstjournalistischen Artikel führen bei mir zu Ächzgeräuschen. Durchaus habe ich wunderbare Artikel über moderne Kunst und den Kunstmarkt gefunden, plötzlich, verstreut, nicht sich erhebend über das Fliegengesumm ihres Umfeldes. Und natürlich stehe ich selten, aber durchaus vor einem modernen Kunstwerk, das mich fassunglsos macht, berührt, packt, mitnimmt, anspricht.

Aber die moderne Kunst erscheint mir nach all den Kauversuchen nicht mal als ein Kuchen, in dem in sinnvollem Anteil Rosinen zu finden sind. Eher sehe ich mich vor einen Teich gestellt mit quakenden Fröschen und einigen flachen hübschen Seerosen: Provozierender Klang, zeitweilig netter Anblick. Nährwert für einen Menschen: Zunächst Null. Ich habe im Leben nur einmal Froschschenkel gegessen und fand sie geschmacklich nicht herausragend. Was mir als moderne Kunst verkauft wird, liegt bei mir am Rande des Tellers.

Moderne Kunst ist für Künstler und Konsumenten eine mystisch verbrämte Aufforderung, sich Mühe zu machen. Der handwerkliche Anteil war hingegen bei klassischer Kunst eine Zwangsaufforderung. Bei klassischer Kunst war und ist das Gefallenmüssen ohne Kunstjournalisten bei wohlhabenden Auftraggebern dann das zweite Kriterium - von der Kirche bis zum Bürger, von den Pyramiden bis zu Neuschwanstein: So sah sie aus und sieht sie aus, da kommt sie zum Zuge, die klassische Kunst. Ich ziehe mich dahin nicht zurück. Durchaus greife ich an, als Künstler und Kommentator. Erstens aber schiebe ich die moderne Kunst in eine Ecke.

Zweitens bin ich für eine Steigerungssteuer bei Auktionsobjekten: Der Anfangspreis, zu dem der Künstler verkauft hat, ist Maßstab. Wenn ausnahmsweise mal der Weiterverkaufspreis zu den Wolken abhebt, so setzt Steuer ein. Die Einnahmen aus dieser Steuer dürfen nur für Kunstschulen verwendet werden (siehe meine Bildunterschrift "Gebt Arbeitslosen Kunstaufträge" eine Seite zuvor).

Kunstschulen? Ja, drittens bin ich dafür, dass Arbeitslosen die Wahl zwischen Lernen von Chemie, Biologie, Physik, Informatik, Mathematik, Ethnologie, Psychologie und Philosophie ODER der Besuch einer Kunstschule ODER ein Euro-Job gegeben wird. Zuhause sitzen bringt kein Arbeitslosengeld.

So, das war mal ein schneller Ausflug. Zurück zum Ball, der hier gespielt wird:

Was ist denn nun eigentlich „moderne Kunst“ für mich? wann sehe ich ihren Anfang? Den Anfang bildet - ich meine, das besteht kunsthistorischer Konsens - das Einschleichen der Fotografie in die Bilder, also ganz sachte ab 1840 etwa. Da begegnete den Künstlern so etwas wie die Industrialisierung den Leinenwebern: O Schreck, mein Handwerk wird übertrumpft. Im aggressiven Fall sehen und sahen sich die Künstler dann von der Leine gelassen: Ins Improvisieren-Dürfen, ins Schocken. Klassische Kunst hatte und hat offenbar erdrückend wenig die Erlaubnis, einfach zu spielen. Einige Werke von Pieter Bruegel dem Älteren und vieles von Hieronymus Bosch sind also trotzige Dennoch-Spiele - und werden prompt von moderner Kunst höchstgeschätzt.

Moderne Kunst war Trotz und Spiel. Ich sage „war“. Denn längst überschwemmen die Urenkel der Trotzer und Spieler die Szene. Umfassend lehrt die Geschichte, wie sehr Pioniertaten sich verändern, wenn sie von der Masse aufgegriffen werden, wie erfolgreiche Folgen von Pionierleistungen ihre Pioniere befremden. Die heutige moderne Kunst ist Fleischkäse, nicht Fleisch. Pioniersein ist weiterhin möglich, wird aber von den Massen sich modern gebärdender Künstler, Kunstjournalisten und Kuratoren in klassischer Manier an den Rand gedrückt.

Die druckhafte Suche nach Neuem führt bei den Enkeln der modernen Kunst zu Künstlern, die sich mit irgendwie neuen Gebilden in den Weg stellen wie Schafe auf die Straße: Man kommt kaum voran vor lauter abzuarbeitendem emsig erstelltem Neuen. Dass für mich neunzig Prozent der Neu-Sensationen gezielt aufgeblasene Luftballons sind, wird beim Tenor meines Textes wohl schon klar sein. Ein Froschteich, quak quak.